Gesund altern Lernen, lieben, lachen
"Presse"-debatte. Fettsucht und Demenz - wie vermeidet man die Epidemien des 21. Jahrhunderts? Mit Tanzen zum Beispiel. WIEN (hes). Wie wird man alt und vermeidet Zivilisationskrankheiten? Mit den "vier L", sagt Christoph Gisinger, Direktor des "Hauses der Barmherzigkeit": "Laufen, Lernen, Lieben, Lachen". Seiner Meinung nach ist dies in einer einzigen Tätigkeit besonders gut vereint: im Tanzen. In einer gemeinsamen Diskussion von "Presse" und "Pfizer" wurden die "Epidemien des 21. Jahrhunderts" - Fettsucht, Demenz und Diabetes - diskutiert. Eine herkömmliche Epidemie endet nach wenigen Monaten wieder, so Gisinger. Aber mit den modernen Volkskrankheiten wird es sich anders verhalten. "Es wird nicht wie eine unübliche Wetterperiode einsetzen, sondern wie eine Klimaveränderung", erklärte er. Für Gisinger stellt sich daher die Frage, ob das Gesundheitssystem der Bismarck-Ära diesen Herausforderungen noch gewachsen sei. Ein entscheidender Lösungsansatz aus seiner Sicht wäre eine Fusion des Gesundheits- mit dem Pflegesystem. Ein Ansatz dem sich auch die Gesundheitssprecherin der VP-Wien, Ingrid Korosec, vollinhaltlich anschließen konnte. Während sie einerseits für mehr Eigenverantwortung plädiert, wenn es um das Vorbeugen von Krankheiten wie Fettleibigkeit oder durch Übergewicht bedingte Diabetes geht, so müsse es auch seitens der Politik konkrete Maßnahmen geben, wie zum Beispiel höhere Steuern auf Lebensmittel mit hohem Fett- und Zuckergehalt. Um im Falle der Demenz eine Pflege zu Hause sicher zustellen, müsse das Pflegegeld inflationsangepasst werden. Für den Internisten und Buchautor Siegfried Meryn hat die Medizin in den letzten Jahrzehnten zwar enorme Fortschritte gemacht - aber auf die Patienten habe sich das nicht ausgewirkt, meint er. Denn sonst würden wir heute nicht immer noch von Epidemien wie dem Rauchen, Übergewicht oder der Zuckerkrankheit sprechen. Für Meryn muss die Vorbeugung im Kindergarten beginnen. Dort müsse gesunde Ernährung nicht nur stattfinden, sondern auch so vermittelt werden, dass Eltern unabhängig vom sozialen Hintergrund geschult werden. Andreas Penk, Pfizer Österreich Manager, betonte seinerseits, dass sein Konzern auch in der Prävention engagiert sei und etwa auch Produkte auf den Markt bringe, die Rauchentwöhnung erleichtern sollen. Nur die Menschen seien ziemlich resistent, was Aufklärung angehe. "Wenn es ein Produkt gäbe, mit dem man sich das Saufen abgewöhnen könnte und eines, mit dem Sie ohne negative gesundheitliche Auswirkungen weiter saufen könnten, was glauben Sie, was wird mehr Absatz finden?" Auch der Vorstand der 3. Medizinischen Abteilung und Diabetes-Experte Rudolf Prager glaubt nicht, dass mit einer Änderung des Lebensstils allein viel zu erreichen sei. Es müsse eine Doppelstrategie aus Medikation und Eigenverantwortung sein. In diesem Zusammenhang warnte Sozialmedizinerin Anita Rieder davor, Schuldzuweisungen in Richtungen der Patienten zu treffen, wenn diese nicht gesund leben. Denn Armut sei der größte Risikofaktor. Hier müssten die Anstrengungen dahingehend unternommen werden, dass alle Patienten unabhängig von ihrer sozialen Herkunft befähigt werden, Gesundheitsrisken zu vermeiden. Für Penk liegt hierbei die Schwierigkeit im Risikoverhalten der Bevölkerung. Denn sobald eine wirksame Therapie für eine Krankheit verfügbar sei, steige umgehend die Bereitschaft wieder, Risiken einzugehen. Einig war sich das Podium in der Empfehlung, dass es sich in jedem Alter lohne, gesünder zu leben. Besonders die jungen Frauen, die zunehmend rauchen, sollten sich angesprochen fühlen. Für das Schlusswort bemühte Meryn Schopenhauer. "Das Schicksal mischt die Karten, aber wir spielen." (Die Presse) 29.11.2006 |