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Am Arbeitsmarkt ist Mut zum Alter gefragt
Ab 2020 werden mehr Arbeitnehmer aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden als eintreten

– daher muss die Zahl der älteren Arbeitnehmer steigen. Unternehmen müssen sich jetzt darauf einstellen. 

Mit 66 Jahren fängt das Leben an – doch eine Anhebung des Pensionsalters wird Udo Jürgens sicher nicht im Sinn gehabt haben, als er diese Strophe sang. Trotzdem werden ältere Arbeitnehmer länger in den Arbeitsmarkt eingegliedert bleiben müssen, um die Auswirkungen des prognostizierten demografischen Strukturwandels ausgleichen zu helfen.

Die Gründe, weshalb ältere Arbeitnehmer aus dem Arbeitsmarkt verschwinden, sind nicht nur in veralteten Qualifikationen und mangelnder Effektivität zu sehen: „Sie werden durch Push- und Pull-Faktoren aus dem Arbeitsmarkt gedrängt“, sagt Alexia Fürnkranz-Prskawetz vom Institut für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Damit ist gemeint, dass einerseits die staatlichen Anreize zur Frühpensionierung (noch immer) zu hoch sind, andererseits die Unternehmen oft ältere durch jüngere Mitarbeiter ersetzen. Wirtschaft und Politik werden dadurch vor ein strukturelles Problem gestellt, da ab 2020 das Erwerbspotenzial zu sinken beginnt und mehr Arbeitnehmer aus als in den Arbeitsmarkt eintreten werden. Und im Jahre 2030 wird der grosse Teil der Arbeitnehmer in Österreich bereits über 40 Jahre alt sein.

Potenziale nutzen.

Das Ergebnis einer aktuellen Studie, die Alexia Fürnkranz-Prskawetz durchgeführt hat und die in den nächsten Monaten veröffentlicht wird, bescheinigt der Gruppe der 50- bis 64-Jährigen in der EU den grössten Einfluss auf das Wirtschaftswachstum. Daraus zu schliessen, dass diese Altersgruppe auch die produktivste ist, wäre allerdings verfrüht – dazu wären noch weitere Untersuchungen notwendig. Es lässt sich aber daraus schliessen, dass diese Menschen Potenzial haben und die „negativen Aspekte in positive umgewandelt werden sollen.“

Anreize.

Auch die Politik muss versuchen, das ihre dazu beizutragen und das Umfeld zu verändern, damit die Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer auf Dauer angehoben werden kann. Dazu sollen, wie es im Wirtschaftsministerium heisst, im Zuge der Steuerreform die Lohnnebenkosten für ältere Arbeitnehmer gesenkt werden. So soll für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer der Reiz grösser werden, länger am Arbeitsmarkt zu bleiben. Als zweites soll durch die Pensionsreform das bisher bestehende Frühpensionsmodell auslaufen.

Für Alexia Fürnkranz-Prskawetz sind hier verschiedene Modelle denkbar, wie ein längeres Verbleiben auf dem Arbeitsmarkt möglich wird. Ein erfolgversprechendes wäre zum Beispiel stärkere Investition in die Gesundheitsvorsorge der Arbeitnehmer, damit diese länger arbeitsfähig bleiben. Ideen, wie ältere Arbeitnehmer dem Arbeitsmarkt länger erhalten bleiben, kommen aus dem nahen Ausland. ABB Schweiz entwickelte ein Positionspapier, wie dem demografischen Wandel Rechnung getragen werden soll und bei dem lebenslange Weiterbilung und altersgerechte Arbeitsgestaltung im Mittelpunkt stehen. Laut APP-Sprecher Lukas Inderfurth bedeutet dies, dass ältere Mitarbeiter auf solchen Positionen beschäftigt werden sollen, die ihrem Alter und Gesundheitszustand entsprechen. „Bei ABB sollen auch die älteren Arbeitnehmer arbeitsmarktfähig bleiben.“

Trendwende in der Praxis.

Licht am Ende des Tunnels für Job­suchende jenseits der 50 gibt es laut Personalberaterin Irmgard Barosch, Head of Office von Iventa. „Die Verknappung von Fachkräften führt dazu, dass Unternehmen auch wieder vermehrt ältere Arbeitnehmer anstellen.“ Ihrer Erfahrung nach war vor einigen Jahren bei der Personalvermittlung einzig und allein das Alter und nicht die Qualifikation des Bewerbers ausschlaggebend. So konnte es passieren, dass das Interesse an einem Bewerber schlagartig erlosch, wenn er während laufender Bewerbungsprozesse den 50. Geburtstag feierte. Für sie zählen das grosse Wissen und der Erfahrungsschatz zu den Vorteilen, die Unternehmen durch die Neueinstellung von älteren Angestellten anzapfen können. Diese sind zudem oft treuer ihren Arbeitgebern gegenüber und lassen sich nicht so schnell wieder abwerben wie jüngere. „Unternehmen müssen daher Mut zeigen und die Altersgrenze anheben,“ fordert Irmgard Barosch.

50 Prozent
EU-weit soll die Beschäftigungsquote auf 70 Prozent bei den Männern und 60 Prozent bei den Frauen angehoben werden. Dies kann in Österreich aber nur erreicht werden, wenn die Erwerbsquote bei den über 55ährigen auf 50 Prozent angehoben wird.
Die jüngsten Zahlen, die von der EU Kommission veröffentlicht wurden, sehen zwar für ­Öster­reich eine leichte Verbesserung auf 31,8 Prozent im Jahre 2005, was EU-weit aber immer noch eine der niedrigsten Quoten ist. In Schweden waren 2005 rund 60 Prozent aller 60-64-Jährigen erwerbstätig.

Zitat
„Bei Fachkräften wird wieder vermehrt auf Qualifikationen anstatt das Alter geschaut.“
Irmgard Barosch, Head of Office, Iventa Consulting


von Beatrice Bösiger

Wirtschaftsblatt, 2.3.07

 
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